"Remberee"
"Jilian Süßzahn!" Die Stimme der Herrin klang dunkel und schwer. "Du hast den Schwestern der Rose großen Schaden zugefügt. Deine Taten als eine abtrünnige SdR bei den Schwestern der Peitsche hat auch viele andere Schwestern der Rose in deren Bann gezogen. Auch nach dem Tod der Hexe Fiacola der Blick, die euch bezaubert hatte, sind viele nicht mehr zu uns zurückgekehrt. Viele kommen aus Scham nicht mehr zu uns und viele andere wurden in den Kämpfen für die Sache Fiacolas getötet."
Die Herrin der Schwestern der Rose, der größten und berühmtesten Vereinigung von Frauen aus Vallia, beugte sich vor und sah Jilian Süßzahn ernst ins Gesicht. Die junge Frau ihr gegenüber strich sich nervös über ihr dunkles Haar und bewegte sich unruhig. Ihr etwas breites, bleiches Gesicht zuckte.
"Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen, Jilian?" Es klang keine Anklage in dieser Frage, nur Trauer. "Wieso war es so leicht für Fiacola, dich zu verführen?"
Die Hexe Fiacola der Blick hatte zusammen mit Nyleen, der Kovneva von Vindelka, versucht, das Herrscherpaar von Vallia zu stürzen, um Nyleen auf den Thron zu bringen. Zu diesem Zweck hatte sie viele Frauen behext und unter ihren Bann gebracht, die den verschiedenen Schwesternschaften Vallias angehörten. Mit dieser Streitmacht wollte sie eine Frauenherrschaft errichten. Glücklicherweise konnte die Verschwörung noch rechtzeitig aufgedeckt und zerschlagen werden. Auch Jilian war es zum Schluß gelungen, sich gegen den Bann der Hexe zu wehren und diese zu töten. Trotzdem mußte sie sich jetzt für ihre Taten vor der obersten Herrin der Schwestern der Rose verantworten.
"Jilian, du weißt, daß die Schwestern der Rose immer zum Wohle Vallias da waren, sowohl in Friedens- als auch in Kriegszeiten. Wir haben für Vallia gekämpft und nicht nur unseren Besitz und unsere Zeit, sondern oft auch unser Leben für Vallia gegeben."
Jilian schaute der Herrin der SdR ins Gesicht. "Ja, Herrin, wir haben gekämpft. Ich selbst habe ein ganzes Regiment von Jikai-Vuvushis in den Kampf gegen Vallias Feinde geführt. Ich bin Vallia immer treu gewesen. Fiacola konnte mich nur durch ihre Zaubertricks dazu bringen, Vallia und die Herrscherin Delia zu verraten. Sie machte mich glauben, daß ich auf diese Weise schneller zu meinem Ziel kommen könnte, was natürlich Unsinn war."
"Jilian, hast du immer noch das Bedürfnis, dich an Kov Colun Mogper aus Mursham zu rächen?" Die Herrin seufzte. "Deine Rache wird Geschehenes nicht ungeschehen machen. Jilian, diese Rache frißt dich auf. Niemand wird dadurch wieder lebendig. Und du selbst wirst zum leichten Opfer für Verführer wie Fiacola der Blick."
Die junge Frau wurde womöglich noch bleicher und ihr Blick verfinsterte sich. "Ich muß mich an Colun Mogper rächen. Er hat den Tod hundertfach verdient."
Ihre Hand krampfte sich zusammen, als ob sie sich um den Griff eines Schwertes ballen wollte.
Wieder seufzte die Herrin. "Nun, Jilian Süßzahn, wenn das so ist, dann muß es wohl so sein. Also, geh und nimm deine Rache an Kov Colun! Denn bevor du diese Sache nicht auf die eine oder andere Weise geklärt hast, kann ich dir nicht gestatten, zu den Schwestern der Rose zurückzukehren. Du mußt dich entscheiden, was du willst. Geh, jage Kov Colun! Und wenn du ihn getötet hast oder dein Rachedurst gelöscht ist, dann kannst du zu uns zurückkehren. Die Schwestern der Rose brauchen dich. Vergiß das nicht! Aber sie brauchen dich ganz."
Die Herrin der Schwestern der Rose stand auf und umarmte die junge schlanke Frau. "Geh mit Dee-Sheon, meine Tochter, und komme bald heil zu uns zurück."
"Ich werde Colun Mogper finden und Rache an ihm nehmen. Dann werde ich zurückkehren, Herrin. Dein Urteil ist gerecht und ich werde bald wieder eine Schwester der Rose sein." Jilian dreht sich abrupt um und ging zur Tür.
"Ach, Jilian, eines noch. Deine Klaue mußt du hier lassen. Sie darf nur von einer Schwester der Rose getragen werden. Du bekommst sie wieder, wenn du zurückkommst."
"Meine Klaue? Aber ich brauche sie... "
"Sie ist nur für SdR. Du wirst ohne sie zurechtkommen müssen. Wir bewahren sie für dich auf, bis du zurückkommst."
Widerwillig übergab Jilian der Herrin einen Kasten aus leichtem Balassholz. Dieser enthielt die gefürchtetste Waffe einer Schwester der Rose, eine Stahlklaue, die an der linken Hand befestigt wurde und im Kampf ein tödliches Instrument war.
Dann ging sie zur Tür und verließ die Herrin. In ihrem kleinen Zimmer machte sie sich reisefertig. Sie entledigte sich der rosa Hauskleidung der SdR und schlüpfte in ihr rotes Ledergewand. Anschließend legte sie ihr Schwert und ihre übrigen Waffen an. Ein Langbogen und ein Köcher mit rosagefiederten Pfeilen kamen hinzu. Ihre wenigen anderen Habseligkeiten paßten leicht in den kleinen Reisesack. Traurig sah sie sich noch einmal um, als es leise an die Tür klopfte.
"Herein!"
Die eintretende Frau war von überwältigender Schönheit. Sie ging auf Jilian zu und umarmte sie.
"Ich habe davon gehört, wie die Herrin entschieden hat. Ein harter, aber weiser Entschluß. Was wirst du nun tun? Willst du nicht doch lieber hier bleiben und deine Rache begraben?"
"Delia, ich muß Kov Colun Mogper finden, sonst werde ich nie Ruhe haben. Bitte, versteh mich! Bei Dee-Sheon, ich werde nicht eher ruhen, bis er tot ist! Er wird für das bezahlen, was er getan hat."
"Dann nimm wenigstens ein Regiment meiner Leibwache mit dir."
"Du weißt doch selbst, das ich das allein tun muß. Aber vielen Dank. Ich bin froh, daß du mir nicht grollst, weil ich zu den Schwestern der Peitsche gegangen bin."
"Das ist doch klar: Du warst ja behext. Aus freiem Willen hättest du das nie getan."
Delia schüttelte ihr kastanienbraunes Haar. Ein paar Sonnenstrahlen, die sich durch das Fenster verirrt hatten, ließen es golden aufleuchten.
"Ich wollte, ich könnte mit dir kommen, aber auf mich warten andere Aufgaben. Aber ich habe Informationen für dich. Der vallianische Geheimdienst hat Kov Colun Mogper gefunden. Er ist in sein Kovnat nach Menaham zurückgekehrt. Wahrscheinlich, um neue Bösartigkeiten gegen Vallia auszuhecken."
"Dann werde ich mich sofort auf den Weg nach Pandahem machen", entgegnete Jilian brüsk und schritt erregt auf und ab.
Vallia war ein großes Inselreich, das in den letzten Jahren nach dem Tod des alten Herrschers unter Bürgerkrieg und Invasionen sehr gelitten hatte. Der neue Herrscher, Dray Prescot, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Vallia wieder zu vereinen. Einen großen Teil der Insel hatte er schon wieder zurückgewinnen können. Dabei mußten die Vallianer lernen, sich nicht mehr auf Söldnerheere zu verlassen, sondern vielmehr für sich selbst einzutreten. Dieses war ihnen mit Bravour gelungen. Heute war das vallianische Volk stolzer und selbstbewußter als je zuvor. Ihre äußeren Feinde waren zumeist aus den Kontinenten Havilfar und Pandahem gekommen. Einer der Heerführer, die Vallia angriffen, war Kov Colun Mogper gewesen, dessen Reich auf dem nördlichen Teil des Kontinents Pandahem in Menaham lag.
"Und nichts kann dich davon zurückhalten?" fragte Delia.
"Nein, ich werde solange nach Mogper suchen, bis ich ihn gefunden habe. Dee-Sheon sei mein Zeuge!"
"Dann nimm dies mit für deine Reisekosten." Delia reichte Jilian einen prall gefüllten Lederbeutel. "Keine Widerrede. Das ist dein Sold als Jiktar der Jikai-Vuvushis. Du hast ihn dir verdient."
"Ich danke, Delia. Du bist so gut zu mir. Wenn ich zurückkomme, werden wir gemeinsam für die Schwestern der Rose kämpfen, wie wir es früher getan haben."
Die beiden Freundinnen umarmten sich zum Abschied noch einmal, dann ging Delia zur Tür.
"Remberee, Jilian Süßzahn!"
"Remberee, Delia!"
Jilian legte ihren Langbogen und ihren Köcher auf die rechte Schulter, eine zusammengerollte Peitsche auf die linke, ergriff ihren Reisesack und ging zur Tür. Ohne noch einen Blick zurückzuwerfen, schritt sie entschlossen hindurch und begab sich auf den großen Innenhof. Von dort wollte sie gerade durchs Tor wandern, als ein Ruf sie zurückhielt.
"Jilian Süßzahn!"
Jilian drehte sich um. Am anderen Ende des Hofes vor dem Eingang zu den Ställen stand Sosie na Vendelheim. Sie hielt die Zügel einer rassigen grauen Zorcastute, die unruhig von einem Huf auf den anderen trat und ihren Kopf mit dem spitzen spiralförmigen Horn immer wieder in die Luft warf.
"Das ist ein Geschenk Delias für dich, damit du schneller an dein Ziel kommst. Wenn du einen Hafen erreicht hast, um nach Pandahem überzusetzen, kannst du es in der dortigen Abteilung der Schwestern der Rosen zurücklassen."
Sosie hielt ihr aufmunternd die Zügel hin. "Jilian, niemand nimmt dir hier übel, was passiert ist. Komm' bald zurück."
"Danke, Sosie." Jilian nahm die Zügel und strich der Zorcastute beruhigend über die edle Nase. "Die gute Delia. Ich stehe tief in ihrer Schuld. Wie heißt die Zorca?"
"Grauwind. Du wirst deine Freude an ihr haben."
Jilian befestigte ihren Reisesack, die Peitsche und den Langbogen am Sattel und schwang sich hinauf.
"Remberee, Sosie!"
"Remberee, Jilian!"
Ein leiser Zungenschlag genügte und die Stute trabte zum Tor hinaus. Schnell ging es durch die Straßen von Lancival, der geheimen Stadt der Schwestern der Rosen hindurch zum Stadttor. Sobald Jilian die Stadt hinter sich hatte, schlug sie einen leichten Trab an und ritt Richtung Süden. Bald verschwanden die roten Ziegeldächer Lancivals in weiter Ferne.
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