MasichierisIhr Weg führte sie am Fuß der blauen Berge entlang. Dort wurden die besten Zorcas von ganz Vallia gezüchtet. Allerdings waren unterwegs nur wenige Herden zu sehen, da der Krieg die Zorcaherden hatte zusammenschrumpfen lassen. Das ganze Land hatte unter Eroberern gelitten. Überall war Zerstörung zu sehen, aber überall waren auch Vallianer mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Der Ritt in Richtung Süden zum Meer war nicht ungefährlich. Es gab immer noch herumstreunende, plündernde Soldaten, die von den vertriebenen Heeren der Angreifer Vallias abgetrennt worden waren. Diese Masichieris holten sich, was sie von der Zivilbevölkerung an Wertvollem bekommen konnten, bevor sie sich auf den Weg in ihre Heimat machten. Oft nahmen sie auch Gefangene mit, um sie in die Sklaverei zu verkaufen. Eine allein reitende Frau wäre ein gefundenes Fressen für diese Marodeure gewesen, so hielt sich Jilian möglichst nur auf den belebteren Wegen auf, auch wenn dadurch ihre Reise langsamer voran ging. Sie wußte aus eigener, leidlicher Erfahrung, was es bedeutet, in die Hände von Räubern und Sklavenhändlern zu fallen. Vor gar nicht so langer Zeit hatte sie der Herrscher persönlich aus den Händen Kov Colun Mogpers befreit, dem sie als Sklavin verkauft worden war, nachdem sie im Krieg von Flutsmännern gefangengenommen wurde. Allerdings hatte sie damals noch nicht gewußt, daß unter dem Decknamen Jak der Drang, Dray Prescot, der Herrscher von Vallia unterwegs war. Nach ihrer Befreiung mußte sie fliehen, ohne sich an Mogper rächen zu können. Eine Verwundung, die sie sich auf dem Weg zur Hauptstadt Vondium zuzog, hielt sie solange fest, bis Kov Colun spurlos verschwunden war. In Gedanken versunken summte sie ein Liedchen vor sich hin. Es handelte von der kleinen Fristlefifi Nurlaili, die, um ihren Liebsten zu retten, ihren Schwanz opfern muß. Doch die eigensinnige Nurlaili will beides haben, ihren Schwanz und ihren Liebsten. So bittet sie Numi-Hyrjiv um Hilfe, der ihr seinen Schwanz leiht, bis ihr Liebster gerettet ist. Zum Dank feiern jetzt alle Fristles vor ihrer Hochzeit das große Schwanzfest. Wem es gelingt, den Schwanz der Braut mit dem seinen zu verknoten, der wird als großer Retter gefeiert. "Ja, mache einen Knoten in deinen Schwanz und führe die Braut zum Tanz..." Der Weg machte hier eine Biegung um ein Waldstück. Jilian summte gerade den Refrain des Liedes, als sie um die Biegung herumsehen konnte. Sie zog heftig die Zügel an und verstummte. In der Ferne war Rauch zu erkennen. Allerdings sah er nicht wie der Rauch eines Herd- oder Lagerfeuers aus. Dicke schwarze Qualmwolken stiegen in den Himmel. In der Deckung des Waldes näherte sich Jilian der Brandstelle. Als sie näher kam, konnte sie erkennen, daß dort ein Haus brannte. Davor standen einige abgerissen aussehende Gestalten. In ihrer Mitte hielten sie ein sich heftig wehrendes Mädchen fest, während vor dem Haus drei leblose Apims und ein Rapa lagen. Alles deutete daraufhin, daß eine Bande Masichieri eine Bauernfamilie überfallen hatte. Da alle auf das Haus starrten, konnte sich Jilian unbemerkt auf Bogenschußweite nähern, der Lärm zusammenstürzender Balken und das Geschrei des Mädchens übertönte den Hufschlag Grauwinds. Der lohische Langbogen, ein Geschenk ihres Freundes Seg Segutorios, des berühmten Bogenschützen aus Loh, glitt ihr wie von selbst in die Hand. In rascher Folge schoß sie einige rosagefiederte Pfeile ab. Ehe sie überhaupt reagieren konnten, waren drei der Marodeure schon von den Pfeilen tödlich getroffen. Die übrigen fünf drehten sich erstaunt und wütend um, ließen das Mädchen los und griffen mit gezückten Schwertern an. Ein weiterer Pfeil fand sein Ziel, bevor Jilians Gegner zu nahe für einen Schuß herangekommen waren. Jilian warf sich den Bogen über die Schulter, lies Grauwind auf die Hinterbeine steigen und einen Kreis beschreiben. Ein Huf traf den ersten ihrer Gegner, einen Rapa mit räudigen Federn, direkt am Kopf und hinterließ ein großes Loch. Die übrigen drei sprangen zurück, um aus der Reichweite der wirbelnden Hufe zu kommen. Grauwind landete wieder auf allen Vieren. Das spiralförmige Horn bewegte sich wild auf und ab. Jilian ergriff mit der Rechten ihre Peitsche, während die Linke nach dem Rapier faßte. Ein blitzschneller Schlag der Peitsche traf einen Chulik mit abgebrochenen Hauern mitten im Gesicht. Mit einem Aufschrei ließ dieser sein Schwert fallen und hielt sich die Hände über die Augen. Er taumelte blindlings in Grauwinds Horn, das ihn wie einen Schmetterling aufspießte. Eine heftige Kopfbewegung Grauwinds ließ den Chulik wie eine zerschmetterte Puppe davonfliegen. Die letzten beiden näherten sich jetzt von verschiedenen Seiten. Während der erste, ein weiterer Rapa, die Peitsche mit dem Schwert abwehren konnte, riß der zweite, ein Fristle mit nur einem Ohr, Jilian von der Zorca. "Na warte, Shishi, das wirst du uns büßen!" Beim Aufprall auf dem Boden wurde Jilian das Schwert aus der Hand geschlagen. Der Fristle setzte gerade sein Schwert an Jilians Kehle als seine Augen plötzlich starr und glasig wurden. Ein Terchik steckte wie hingezaubert in seiner Brust. Langsam kippte er nach hinten. Das Mädchen, das zuerst wie erstarrt dagestanden hatte, nachdem es losgelassen worden war, hatte sich von einem der Männer, die von den Pfeilen getötet worden waren, einen Wurfdolch genommen und so Jilian im letzten Moment durch ihren Wurf gerettet. Geistesgegenwärtig rollte Jilian sich zur Seite und entging so dem tödlichen Hieb des letzten Masichieri. Ihre Peitsche schlang sich wie eine Schlange um seine Kehle, ein Ruck und auch der letzte Gegner war besiegt. Jilian stand auf und klopfte sich den Staub aus der Kleidung. Sie nahm Grauwinds Zügel und sprach ihr ein paar beruhigende Worte ins Ohr. Sofort wurde die Zorca so friedlich als wäre nichts geschehen. Dann wandte sie sich dem Mädchen zu, daß am Boden vor den Leichen ihrer Angehörigen kniete und weinte. "Danke, daß du den Dolch im rechten Moment geworfen hast. Das war knapp." "Ach Kotera, wäret ihr doch bloß eher gekommen. Die Masichieri haben meine Eltern und meinen Verlobten umgebracht, das Haus geplündert und in Brand gesetzt und mich wollten sie als Sklavin behalten." Tränen verschleierten ihren Blick. Ihr rotes vallianisches Gewand war an mehreren Stellen zerrissen, das Gesicht schmutzig. "Jetzt habe ich niemanden mehr." Sie schluchzte heftig. Ihr Körper bebte und zitterte. Jilian nahm sie beruhigend in die Arme. "Hast du denn keine Verwandten oder Freunde in der Nähe?" "Nein, durch den Krieg sind alle, die uns nahestanden, vertrieben oder getötet worden. Wir waren die letzten. Ach, wäre ich doch auch gestorben." "So etwas darfst du nicht sagen, Mädchen. Wie heißt du eigentlich? Ich bin Jilian Süßzahn." "Mein Name war Variana, die Glückliche, aber jetzt werde ich Variana, die Unglückliche sein. Wir wurden von den Masichieris überrascht. Sie fielen über uns her. Mein Vater und mein Verlobter wurden getötet, als sie meine Mutter und mich verteidigen wollten. Meine Mutter was ihnen zu alt und nicht schön genug, darum haben sie sie auch gleich umgebracht." Wieder wurde Variana von Schluchzern geschüttelt. "Variana, es ist furchtbar, was hier geschehen ist, aber du darfst dich nicht aufgeben. Deine Familie würde das sicher nicht wollen." Variana zog vernehmlich die Nase hoch. "Ja, du hast recht, das würden sie nicht." Die Hitze des völlig in Flammen stehenden Hauses wurde fast unerträglich. "Hilfst du mir, sie zu begraben?" "Ja, Variana, das werde ich. Und dann kommst du mit mir bis nach Delphond. Ich werde dort ein Schiff nach Pandahem suchen und vorher bringe ich dich zu den kleinen Schwestern von Opaz. Die werden sich um dich kümmern. " Sie zogen die Leichen von Varianas Eltern und ihrem Verlobten aus der Nähe des Feuers. Jilian holte sich von den getöteten Masichieri ihre Pfeile zurück. Auch Varianas Terchik zog sie heraus. Nachdem sie ihn gereinigt hatte, gab sie ihn Variana zurück. "Hier, den wirst du noch brauchen." In einer Scheune, die noch nicht von den Flammen erfaßt war, fanden sie Schaufeln und begannen in sicherer Entfernung vom brennenden Haus die Toten zu begraben. Als sie damit fertig waren, überkam Variana wieder die Verzweiflung und sie warf sich auf die Erde. "Variana, du mußt dich zusammenreißen. Bevor die Nacht hereinbricht, müssen wir die nächste Stadt erreichen. Ich will nicht hier draußen übernachten, wer weiß, was sich in dieser Gegend noch alles für Gesindel herumtreibt. Wenn du in Sicherheit bist, wirst du genug Zeit haben, zu trauern. Das mag für dich jetzt zwar hart klingen, aber du mußt jetzt erst einmal weg von hier." Jilian bestieg Grauwind und half Variana, hinter ihr Platz zu nehmen. Eine Zorca hat einen sehr kurzen Rücken und ist eigentlich nicht für zwei Reiter geeignet, aber die beiden Frauen preßten sich eng aneinander. Im Trab ging es weiter Richtung Süden zum Meer. Als sie den Hof verließen, stand die große rote Sonne Kregens schon tief am Horizont, während die kleine grüne noch ein oder zwei Burs scheinen würde. Sie ritten durch eine Landschaft, die nur dünn besiedelt war. Hier und da ein Gehöft, sonst nichts. Nach einigen Burs ging auch die grüne Sonne unter und es wurde klar, daß sie heute kein Dorf mehr erreichen würden. Als die Frau der Schleier aufging und ihr rosa Mondlicht verbreitete, zog Jilian seufzend die Zügel an. "Nun gut, es sieht so aus, als ob wir doch im Freien übernachten müssen, Variana. Schau, dort in der Felsnische ist ein geschützter Platz." Jilian sprang von der Zorca und half Variana beim Absteigen. "Schau mal, ob du etwas Holz für ein Feuer findest. Ich werde mich einmal in der Umgebung umsehen." Bei diesen Worten nahm sie Grauwind den Sattel ab und gab ihr einen Klaps. Grauwind trottete ein paar Schritte weiter und begann zu grasen. "Braves Mädchen." Jilian warf sich ihren Langbogen über die Schulter und ging davon. Variana gegenüber hatte sie so getan, als wolle sie etwas zum Abendessen jagen, aber insgeheim suchte sie nach möglichen Gefahren, die ihnen während der Nacht von herumstreunenden Tieren, aber auch Menschen drohen konnten. Sie fühlte sich für das Mädchen verantwortlich, obwohl sie es erst seit wenigen Burs kannte. Aber als Schwester der Rose hatte sie gelernt, immer für Schwächere einzustehen. In immer größer werdenden Kreisen umschritt sie das Lager, aber sie konnte nichts Gefährliches entdecken. Das Gefährlichste in dieser Gegend schien sie selbst zu sein, denn bei ihrem Rundgang fielen ihr zwei Tuskvögel zum Opfer, die einen guten Braten abgeben würden. Als sie endlich überzeugt war, das ihnen in dieser Nacht keine größeren Gefahren drohen würden, ging sie zum Lager zurück. Variana hatte inzwischen ein Feuer entzündet, das in der Felsnische ruhig und rauchlos vor sich in brannte. Jilian sah es erst, nachdem sie schon fast da war. "Variana, schau, unser Abendessen." Sie schwenkte die Tuskvögel an den Beinen in der Luft herum. Gemeinsam rupften sie die Vögel und brieten sie über dem Feuer. Bald zog ein verlockender Duft in ihre Nasen. Während sie darauf warteten, daß die Vögel fertig wurden, wuschen sie sich am naheliegenden Bach. Anschließend begann Jilian sorgfältig ihr Schwert zu polieren. "Jilian?" begann Variana. "Ja, Variana, was ist?" "Ich will nicht zu den kleinen Schwestern von Opaz, ich möchte gerne mit dir reiten. Ich will auch so eine Kriegerin werden wie du. Wie du heute mit diesen Kerlen fertig geworden bist, war toll." Jilian lächelte ein wenig über Varianas romantische Vorstellungen. "Glaubst du denn, daß es so einfach ist, eine Jikai-Vuvushi zu werden? Du mußt viele Jahre lernen und üben. Du mußt hart werden zu dir selbst. Es ist nicht so romantisch wie du es dir vorstellst. Viel schneller als du denkst, bist du plötzlich tot. Wenn du heute nicht den Terchik geworfen hättest, wäre ich jetzt vielleicht nicht mehr am Leben. Was ist daran so erstrebenswert für dich?" Fast jedes Mädchen in Vallia lernt schon als kleines Kind mit einem vallianischen Dolch oder auch mit einem Wurfdolch wie dem Terchik umzugehen. Der Umgang mit dem Schwert oder anderen Waffen allerdings war eine ganz andere Geschichte. Das war nur etwas für Kriegerinnen, die Jikai Vuvushis. "Ach, Jilian, ich habe kein zu Hause mehr, wo soll ich denn hin? Bei den kleinen Schwestern muß ich wahrscheinlich den ganzen Tag nähen und waschen und so etwas. Zu Hause war ich immer zusammen mit meinem Vater draußen bei unseren Zorcas. Und nachdem wir fast alle wegen des Krieges verkauft haben, habe ich ihm geholfen, die Felder zu bestellen. Ich will nicht in irgendeinem Haus oder Kloster versauern. Das ist nichts für mich." Varianas Stimme wurde leidenschaftlich. "Laß mich mit dir reiten, bitte!" "Nein, Variana, ich reise an einen Ort, der sehr ungesund sein kann, wenn man nicht äußerst vorsichtig ist. Aber wenn du mich so sehr bittest, werde ich dir eine Empfehlung für die Schwestern der Rose schreiben, damit sie dich aufnehmen und ausbilden." "Die Schwestern der Rose?" unterbrach Variana Jilian. "Also, doch wieder Blümchen pflücken und Rosen sticken?" Variana sprang auf. "Nein, das will ich nicht. Aber wenn du mich nicht haben willst, dann werde ich mich eben allein durchschlagen." Jilian lachte. "Nein, was du dir da vorstellst, trifft nun doch nicht ganz zu. Die Schwestern der Rose sind zwar auch wohltätig, aber es werden von ihnen auch viele Jikai-Vuvushis ausgebildet. Natürlich mußt du eine Probezeit überstehen. Da wirst du in allen Bereichen eingesetzt. Und erst, wenn du diese Probezeit zur Zufriedenheit deiner Lehrerinnen überstanden hast, wirst du nach deinen Fähigkeiten und Wünschen ausgebildet. Aber diese Ausbildung ist sehr hart. Ich warne dich. Du wirst hart angefaßt werden, bevor du eine Ausbildung zur Jikai-Vuvushi überhaupt beginnen darfst. Nicht alle, die das werden wollen, schaffen das auch. Du wirst alle deine Energie und deinen Willen hineinstecken müssen. Und die Ausbildung ist nicht umsonst. Wenn du fertig ausgebildet bist, mußt du den Schwestern der Rose zehn Jahre dienen. Hast du diese Zeit überstanden, dann bist du frei zu bleiben oder zu gehen. Was immer du willst." Variana hatte sich wieder gesetzt und Jilian mit leuchtenden Augen zugehört. "Oh, Jilian, das klingt ja wunderbar! Bitte schicke mich zu den Schwestern der Rose, wenn du mich wirklich nicht mitnehmen willst." Begeisterung schwang in ihrer Stimme. "Bei Dee-Sheon, Variana, du wirst mich noch verfluchen, daß ich das getan habe. Aber du kannst nicht mit mir kommen. Ich muß in einer ganz persönlichen Angelegenheit nach Menaham." "Du willst in das verfluchte Menaham?" fragte Variana verblüfft. "Kein Schiff fährt dahin und wenn du einmal dort bist, wirst du niemals zurückkommen." "Laß das meine Sorge sein, Variana. Ich schaffe das schon, wenn Dee-Sheon es so will. So, und jetzt laß uns diese leckeren Vögel essen. Ich bin hungrig und müde." Schnell waren die Tuskvögel gegessen. Ein wenig Brot aus Jilians Satteltasche und einige saftige, gelbe Palines von einem Busch aus der Nähe rundeten die Mahlzeit ab. Satt und zufrieden seufzte Jilian. "So, jetzt laß uns schlafen. Morgen werden wir schon früh weiterziehen. In ein oder zwei Tagen erreichen wir Delphond. Dort werden wir uns trennen." Sie legte sich auf den Boden und hüllte sich in ihre Decke. "Angenehmes Mondlicht, Variana." "Angenehmes Mondlicht, Jilian." Die Frau der Schleier mit ihrem sanften Licht war schon untergegangen, als sich die beiden Frauen zum Schlafen hinlegten. Dafür schien jetzt die Jungfrau mit dem vielfältigen Lächeln, der größte Mond Kregens. |
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