Zorcadiebe
Jilian erwachte, als etwas ihre Nase kitzelte. Mit einer ärgerlichen Bewegung wollte sie die vermeintliche Fliege beiseite schieben, stieß dabei aber auf etwas Hartes. Sie riß die Augen auf und wollte aufspringen, aber ein Fuß, der sich auf ihren Bauch stellte, hinderte sie daran.
"Langsam, Mädchen, nicht so hastig."
Mit einem breiten Grinsen steckte der Bursche, zu dem der Fuß auf ihrem Bauch gehörte, den Pfeil, dessen mit Federn besetztes Ende sie wachgekitzelt hatte, wieder in seinen Köcher.
Ein kurzer Blick zu allen Seiten sagte Jilian, das es im Moment sinnlos wäre, einen Fluchtversuch zu starten. Variana wurde von einer weiteren verwegen aussehenden Gestalt festgehalten, während zwei andere Grauwind an den Zügeln hielten. Alle vier Männer waren Apims.
Langsam nahm der Mann seinen Fuß von ihrem Bauch. Jilian setzte sich auf.
"So, und jetzt erzählt uns doch einmal, was zwei so hübsche Shishis wie ihr hier ganz alleine zu suchen haben!"
Ärgerlich stand Jilian auf. Sie ärgerte sich nicht über die herablassende Behandlung, sondern darüber, daß sie sich so hatte übertölpeln lassen.
"Ich bin auf dem Weg nach Delphond und habe unterwegs dieses Mädchen hier vor ein paar Masichieris gerettet, die ihre Familie umgebracht und ihr Haus angezündet haben. Und wer seid ihr?" fragte sie herausfordernd. "Noch mehr Diebesgesindel?"
"Wer hier ein Dieb ist, wird sich ja gleich herausstellen," höhnte der Sprecher der Bande, der auch der Anführer zu sein schien. "Wie kommst du zu dieser Zorca? Wo hast du sie gestohlen?" Seine Stimme wurde schärfer. "Diese Zorca gehört der Majestrix persönlich, also bist du hier ja wohl die Diebin."
"Nein, du Onker," Jilian wurde jetzt richtig ärgerlich. "Das bin ich nicht. Die Herrscherin Delia ist meine Freundin und hat mir Grauwind geschenkt, um mir meine Reise zu erleichtern. Wenn du sie und ihre Zorcas so gut kennst, solltest du wissen, das ich eine Freundin der Herrscherin bin. Aber dich habe ich noch nie in ihrer Nähe gesehen."
"Das kannst du auch nicht, weil ich hier draußen für die Herrscherin und ihren Ehemann, den Herrscher arbeite. Ich bin Filbarrka na Filbarrka, der Sohn des alten Filbarrka nal Filbarrka, der jetzt König in Balintol ist, und züchte die Zorcas der Herrscherfamilie. Und wer bist du? Verrätst du mir deinen Namen jetzt?"
"Ich bin Jilian, die auch Süßzahn genannt wird, Filbarrka na Filbarrka. Ich habe von dir gehört. Ich versichere dir, ich bin mit der Majestrix Delia, ihrem Mann und Prinzessin Dayra gut befreundet. Ich kann es dir zwar nicht beweisen, aber ich gebe dir mein Wort darauf."
Immer noch mißtrauisch sah Filbarrka sie an. "Nun gut, ich will dir glauben."
"Laß das Mädchen los," rief er dem Mann zu, der Variana festhielt. "Sie scheinen keine Diebinnen zu sein."
Nachdem sich auch die anderen Männer und Variana gegenseitig vorgestellt hatten, wandte sich Filbarrka wieder zu Jilian.
"Was willst du in Delphond? Es ist gefährlich heutzutage, allein zu reisen. Wir haben gerade eine Bande Masichieri verfolgt, als wir euer Lager fanden. Vielleicht sind es sogar die, die Varianas Haus niedergebrannt haben."
"Neun Masichieris, vier Rapas, ein Chulik mit abgebrochenen Hauern, ein Fristle mit nur einem Ohr und drei Apims?" fragte Jilian.
"Genau, die suchen wir. Sie ziehen hier plündernd und mordend durch die Gegend. Wir wollen ihrem Treiben ein Ende bereiten." Filbarrkas Stimme vibrierte vor Zorn.
"Mach dir um die keine Sorgen mehr," antwortet Jilian gelassen. "Die tun keinem mehr etwas."
"Sie sind tot?"
"Ja, Jilian hat sie alle erledigt," plapperte Variana dazwischen.
"Allein?" Filbarrka sah Jilian ungläubig an. Du bist eine Jikai Vuvushi?"
"Na ja, nicht ganz allein, Variana hat mich unterstützt," gab Jilian sich bescheiden.
"Ich habe nur einen erledigt. Jilian hat mich gerettet," rief Variana aufgeregt.
Jilian warf Variana einen ärgerlichen Blick zu. "Das reicht jetzt, Kleine!"
Variana schwieg beleidigt.
"Du bist eine mutige Frau, Jilian Süßzahn." Filbarrkas Blick ruhte bewundernd auf Jilian. "Ihr habt uns mit der Beseitigung der üblen Burschen einen Gefallen getan. Können wir irgend etwas für euch tun? Ihr habt nur eine Zorca. Wir haben einige Reservetiere dabei und könnten euch bis nach Delphond begleiten."
"Das wird nicht nötig sein, Filbarrka. Aber wenn du und deine Leute uns bis nach Dogansmot begleiten würden, wäre ich dir sehr zu Dank verpflichtet. Ich werde Variana dort in sichere Obhut geben und allein weiterreiten. Ich hoffe, in Delphona ein Schiff zu finden, daß mich nach Pandahem bringt."
"Wir begleiten euch gern bis nach Dogansmot, aber was in aller Welt treibt dich in dieser unruhigen Zeit nach Pandahem?" fragte Filbarrka entgeistert.
"Nun, das geht nur mich etwas an. Ich habe noch etwas Persönliches dort zu erledigen." Jilians Antwort fiel knapp und hart aus.
"Sie will nach Mursham, Koter Filbarrka," rief Variana aufgeregt. "Redet ihr das aus. Das ist viel zu gefährlich!"
"Willst du wohl still sein, Variana!" Jetzt war Jilian wirklich verärgert. "Das ist ganz und gar meine Sache." Ihre Augen blitzten und ihr Busen bebte vor Erregung und Zorn.
"Nur ruhig, Kotera Jilian. Ihr habt bestimmt triftige Gründe, euch in solche Gefahr zu begeben, auch wenn ihr sie nicht nennen wollt. Aber warum wollt ihr solch eine Reise allein unternehmen? Habt ihr keine Freunde, die euch begleiten?" Filbarrkas dunkle Stimme wirkte beruhigend aus Jilian.
"Nein, Filbarrka, das was ich dort zu erledigen habe, ist mein persönliches Problem. Ich werde niemanden sonst deswegen in Gefahr bringen. Und jetzt will ich nicht mehr darüber reden. Laßt uns noch zusammen essen, bevor wir aufbrechen. Die Dämmerung ist schon längst vorbei."
Abrupt dreht Jilian sich um und brachte das fast erloschene Lagerfeuer wieder in Gang. Nachdem sie zusammen gegessen hatten, bestiegen sie ihre Zorcas und ritten südwärts Richtung Dogansmot.
Filbarrka hatte Variana eine hübsche braune Zorca mit zierlichem Horn zugewiesen. Während des Rittes lenkte Variana diese neben Grauwind und schaute Jilian entschuldigend an.
"Es tut mir leid, daß ich so vorlaut war, Jilian. Ich wußte nicht, daß es dich so aufregen würde, wenn ich darüber spreche."
"Du mußt noch viel lernen, Variana. Aber das wirst du bei den Schwestern der Rose, das wirst du."
Die blauen Berge wichen nun langsam zurück und die Ebene der Zorcas lag auch bald hinter ihnen. Nach einigen Tagesritten kamen sie an die Grenze der Provinz Thadelm. Hier wurde die Landschaft eben und lieblicher. Der Ritt verlief ruhig und es kam zu keinen weiteren Zwischenfällen. Obwohl die Männer Filbarrkas rauhe Gesellen waren, behandelten sie Jilian und Variana sehr zuvorkommend. Sie übernachteten meist unter freiem Himmel und jagten sich gelegentlich Wild als Abwechslung zu ihren Trockenvorräten. Wasser lieferten kleine Bäche und Flüsse, welche die Landschaft durchzogen und fruchtbar machten. Menschen bekamen sie kaum zu sehen. Am Ende eines weiteren Tages erreichten sie Dogansmot an der Grenze zur Provinz Vond. Diese kleine Grenzstadt war von hohen Mauern umgeben, die sie vor Angriffen schützen sollten. Ein großes Loch neben dem Stadttor deutete allerdings darauf hin, das dies nichts genützt hatte. Ein Angriff mit starken Vartern hatte diese Lücke hineingerissen. Langsam ritten sie zur Stadt hinein.
"Ich kenne eine kleine Niederlassung der Schwestern der Rose gleich hier in der Nähe," sagte Jilian.
"Wir bringen euch noch bis dorthin und dann machen wir uns wieder auf den Heimweg," antwortete Filbarrka.
"Ihr wollt nicht hier übernachten?"
"Nein, es ist noch hell und wir können noch reiten, bis die Frau der Schleier aufgeht."
Inzwischen waren sie vor einem mit roten Ziegeln bedeckten zweistöckigen Haus angekommen.
"Wir sind da. Koter Filbarrka, ich danke euch für eure Begleitung und euren Schutz. Es war ein Vergnügen mit euch zu reiten. Ich hoffe, wir sehen uns eines Tages wieder." Jilian und Variana stiegen von ihren Zorcas. Einer der Männer Filbarrkas nahm die Zorca, die Variana geritten hatte, am Zügel.
"Wenn ihr euch in Menaham nicht in Stücke hauen laßt, warum nicht?" Filbarrka grinste breit, als er seine Zorca wendete. "Remberee, Jilian! Remberee, Variana!"
"Remberee, Filbarrka!"
Jilian und Variana sahen den davoreitenden Männern noch kurz nach, dann klopften sie an die Tür des Hauses. Eine alte Frau öffnete ihnen.
"Llahal, Koteras! Was wünscht ihr?"
"Ich bin Jilian Süßzahn, eine Schwester der Rose. Ich bitte euch um ein Nachtquartier für mich und meine Begleiterin."
"Eine Schwester der Rose ist uns immer willkommen. Kommt herein, man wird sich um deine Zorca kümmern. Deine Begleiterin gehört auch zu uns?"
"Nein, aber ich will sie der Herrin dieses Hauses empfehlen, damit sie sie nach Lancival schickt. Dies ist Variana und sie möchte eine Schwester der Rose werden."
"Ich bin Ros, die Tür. Kommt herein. Ich werde euch gleich zur Herrin führen."
"Oh, ich kenne noch eine Ros, aber die nennt sich die Klaue."
"Als ich noch jung war, habe ich nicht gern mit der Klaue gekämpft, ich zog immer das Schwert vor. Jetzt wo ich alt geworden bin, ist meine schärfste Waffe meine Zunge." Ein Lächeln zog durch das vom Alter faltig gewordene Gesicht. "Hütet euch davor."
Die beiden Frauen wurden sogleich in das Zimmer der Herrin des Hauses gebracht. Während sie eine reichliche Mahlzeit einnahmen, erzählten Jilian und Variana, was dem Mädchen zugestoßen war und das sie nun eine Schwester der Rose werden wollte. Die Herrin stellte Variana noch viele prüfende Fragen. Schließlich versprach sie, Variana nach Lancival zur Ausbildung zu schicken. Anschließend erhoben sich die beiden Frauen und gingen in das ihnen zugewiesene Quartier.
"Nun, Variana, dies ist deine letzte freie Nacht. Ab morgen wirst du dich für eine lange Zeit dem Willen anderer fügen müssen."
"Ach, Jilian, wenn ich es nur schaffe, eine Schwester der Rose zu werden, so wie du, dann will ich das schon aushalten."
"Suche dir lieber ein anderes Vorbild als mich. Du kennst mich doch kaum. Was weißt du denn schon von mir? Die Herrscherin Delia oder Sosie na Vendelheim sind wesentlich bessere Vorbilder."
"Aber sie haben mich nicht gerettet, sondern du," bestand Variana trotzig auf ihrer Meinung.
"Nun gut, wie du willst," seufzte Jilian und kroch unter ihre Decke. "Morgen früh werde ich gleich, wenn es hell wird, weiterreiten. Wenn ich nach Lancival zurückkomme, werde ich ja sehen, was aus dir geworden ist."
"Ich wünschte, du würdest gleich mit mir kommen und nicht erst in dieses verdammte Menaham reisen. Wo liegt eigentlich dieses Lancival? Ich habe noch nie zuvor davon gehört."
Jilian lachte leise auf. "Wie solltest du auch. Nur den Schwestern der Rose ist bekannt, wo Lancival liegt. Niemand sonst soll es je erfahren. Du wirst es schon noch früh genug wissen."
Mit diesen Worten schloß sie die Augen und fiel übergangslos in einen tiefen, ruhigen Schlaf mit der Gewißheit, das sie in einem Haus der SdR gut geschützt war. Variana dagegen wälzte sich noch lange Zeit unruhig hin und her. Die aufregenden Zukunftsaussichten ließen sie ebensowenig zur Ruhe kommen, wie die Schatten der Vergangenheit.
Am nächsten Morgen kurz nach dem Aufgang Zims, der roten Sonne Kregens, verließ Jilian Dogansmot. Der Abschied von Variana war kurz, aber herzlich ausgefallen. Nun ritt sie, fröhlich vor sich hinsingend, durch die wunderschöne vallianische Landschaft und genoß die frische, süß duftende kregische Luft. Sie sang eines der Lieder aus der Rosenstadt, die auch bei den Schwestern der Rose sehr beliebt waren. Dieses spezielle Lied hatte sie oft mit anderen SdR zur Begrüßung der Sonnen gesungen. Es war voller Freude und auch ein wenig frech.
"Kommt, laßt uns Zim betrunken machen, Genodras soll verrückt werden. Gewiß, ja!
Mit der Flöte und der Leier, guten Morgen, ihr Sonnen, Lahal!"
Die Sonnen lachen und steigen herab auf das Dach.
Sie tanzen zur Flöte auf den Treppen und beginnen:
"Das Rot für die Rosen, das Grün für die Kinder,
und zu den Füßen Dee-Sheons ein Bild Eos-Bakchis."
"Kommt, laßt uns die Sonnen betrunken machen,
laßt uns die Freundinnen verrückt machen. Gewiß, ja!
Auf den Treppen und in den Herzen, guten Morgen, ihr Sonnen, Lahal!"
Die Sonnen lachen und steigen herab auf das Dach.
Sie tanzen zur Flöte auf den Treppen und beginnen:
"Das Rot für die Rosen, das Grün für die Kinder,
und zu den Füßen Dee-Sheons ein Bild Eos-Bakchis."
Jilian genoß den Ritt ganz allein durch Vallia. Sie liebte die Einsamkeit. Und sie war sich sicher: Wenn sie erst einmal an Kov Colun Mogper Rache genommen hatte, würde sie wieder frei sein, sich ganz für die Schwestern der Rose und Vallia zu engagieren.
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