Delphona

Ohne weitere Zwischenfälle erreichte sie nach einigen Tagen die Provinz Delphond. Die Bewohner dieser Provinz, die Delphondi, werden allgemein als liebenswürdig, freundlich und etwas träge angesehen. Im Kampf um Vallia hatten aber auch sie gezeigt, daß sie fähig waren, ihre Heimat zu verteidigen. Jetzt waren sie dabei, in ihrer Provinz für Ruhe und Ordnung zu sorgen und den Ruf Delphonds wiederherzustellen, der Garten Vallias zu sein.

An der Küste Delphonds lag die Hafenstadt Delphona. Von dort aus wurden vallianische Erzeugnisse auf den berühmten vallianischen Galleonen in alle Länder Paz' verschifft. Allem voran der köstliche Gremivoh, ein hervorragender vallianischer Wein.

Bei der dortigen Niederlassung der Schwestern der Rose gab sie ihre Zorca Grauwind mit den besten Empfehlungen an Delia zurück. Anschließend schlenderte sie zum Hafen hinunter, um sich nach einer Schiffspassage Richtung Pandahem umzusehen. Da kein Schiff direkt nach Menaham fuhr, das gegen alle anderen Reiche ständig im Krieg lag, wollte sie zuerst nach Tomboram übersetzen, dem Nachbarland Menahams. Von dort aus würde sie versuchen, unbehelligt über die Grenze zu kommen.

Es lagen nur sehr wenige Schiffe im Hafen. Viele der berühmten Galleonen Vallias waren im Krieg vernichtet worden. Passagen auf den wenigen, die noch die Meere durchkreuzten, waren sehr begehrt und teuer. Nach einigem Fragen und Suchen fand sie die "Stolz von Vondium", die das Ziel Port Marsilus hatte. Dieser Hafen lag in Tomboram, in der Provinz Bormark. Auf ihre Frage nach einer Passage erfuhr sie, daß der Kapitän des Schiffes in einer nahegelegenen Taverne zu Abend essen würde, dort könne sie ihn finden und eine Überfahrt buchen. Das Schiff wäre zwar schon fast voll belegt, aber ein Versuch könne nie schaden.

"Anständige Passagiere nehmen wir gerne mit," rief der Matrose, der ihr Auskunft gab, über die Reling. "Nur dieses Gesindel, das jetzt die Insel verläßt, ist uns zuwider. Die fahren besser mit diesem Seelenverkäufer, der dort draußen vor der Bucht ankert."

Bei diesen Worten deutete er auf ein Schiff, daß außerhalb der Bucht vor Anker lag.

"Achtet darauf, daß ihr denen nicht in die Hände fallt. Wenn es dunkel geworden ist, sind diese Schurken noch oft unterwegs, um Raubzüge an Land zu machen. Denen ist es egal, ob ihre Ware aus Gold oder Sklaven besteht. Und sie verschwinden erst, wenn sie das Schiff voll haben mit Beute und Masichieri, die hier von der Insel fort wollen. Es ist wirklich eine Schande, daß der Herrscher bis jetzt noch keine Schritte gegen dieses Gesindel unternehmen konnte."

Jilian bedankte sich freundlich und begab sich in die Richtung, die der Seemann ihr gewiesen hatte. Schon von weitem waren Lärm und Geschrei zu hören. Das Schild, das über der Tür hing, schwang heftig hin und her, als die Tür aufgerissen wurde und ein zappelndes, schreiendes Wesen an ihr vorbeiflog. Gleich darauf erschien ein riesiger Apim im Eingang, der eine ebenso riesige schmutzige Schürze vor seinem gewaltigen Bauch trug.

"Bei den stinkenden Nasenlöchern der göttlichen Dame von Belschutz! Laß dich hier nie wieder blicken! Diebsgesindel wie dich wollen wir hier nicht haben. Dies ist ein anständiges Haus."

Das schmutzige, kleine Bündel zu Jilians Füßen entpuppte sich als ebenso schmutziger kleiner Och, der sich nun schnell wieder aufraffte und davoneilte. Im Weglaufen drehte er sich noch einmal um und rief: "Naghan, der Dicke, dafür wirst du mir büßen. Nicht einmal in Ruhe seinem Beruf nachgehen kann man hier. Beim flinkfingrigen Diproo! Was für eine Schande!"

Wütend stemmte der so gescholtene Naghan seine Fäuste in die feisten Hüften und brüllte hinter dem entfliehenden Dieb her: "Das nächste Mal landest du in der Suppe, Nath der Unvorsichtige, dann erfüllst du endlich mal einen sinnvollen Zweck."

Bei diesen Worten wandte er sich an Jilian, die bis jetzt amüsiert zugesehen hatte.

"Ihr wollt mein bescheidenes Haus beehren, schöne Dame? Kommt nur herein, hier gibt es die beste Taylynesuppe weit und breit." Dabei übersah er großzügig, daß Jilian in ihrer rötlichen Lederkleidung ganz und gar nicht wie eine Dame aussah.

Jilian grunzte spöttisch durch die Nase. "Mit Dieben als Fleischeinlage? Nein, danke, aber wenn ihr eine ordentliche Portion Voskfleisch mit Momolams zu bieten habt, komme ich gerne herein. Im übrigen suche ich den Kapitän der "Stolz von Vondium". Ist der zufällig hier?"

"Ich habe alles was ihr wollt, schöne Dame, Voskfleisch, Momolams, Kapitäne..... Kommt nur herein und seid willkommen im "wilden Woflo"!" Eine bessere Taverne findet ihr in ganz Delphond nicht."

Jilian unterdrückte nur mühsam ein Grinsen. Ein Blick auf das Eingangsschild des Gasthauses zeigte ihr außer dem schwungvollen Schriftzug "Zum wilden Woflo" noch ein liebevoll gemaltes kleines, graues Nagetier, das einer Maus nicht unähnlich sah. Die kregische Version eines Schädlings, der sich fast auf jedem bewohnten Planeten der Galaxis findet.

"Nun, dann will ich doch mal sehen, was der Woflo hier so Wildes zu bieten hat."

Naghan der Dicke machte ihr mit einer Verbeugung Platz, die wie die Parodie einer solchen ausfiel, und Jilian betrat das Gasthaus. Im Inneren des Gasthauses herrschte ein gedämpftes Licht. Nur wenige Tische waren besetzt. Jilian wollte schon einen freien Tisch ansteuern als hinter ihr der Baß Naghans aufdröhnte.

"Hey, Nath der Barynth, hier ist jemand, der nach dir sucht. Muß wohl eine Verwechslung sein. Wer will denn schon etwas von so einem alten, häßlichen Seebären, wenn es hier einen solch wunderbaren Gastwirt wie mich gibt?" Mit diesem, nicht ganz geglückten, Versuch galant zu sein, schob Naghan der Dicke Jilian einfach in die Richtung eines Tisches, der im Hintergrund der Gaststube stand. Dort saß ein einzelner Apim, dessen wettergegerbtes Gesicht nun Jilian neugierig entgegensah.

"Sie suchen mich?"

"Wenn Sie der Kapitän der "Stolz von Vondium" sind, ja. Ich will eine Passage nach Port Marsilus buchen."

"Ich bin Nath der Barynth, Kapitän der "Stolz von Vondium". Eine Passage nach Port Marsilus ist kein Problem. Die Fahrgäste, die ich hatte, sind dummerweise letzte Nacht von den Piraten dort draußen in der Bucht gefangen worden. Eine Schande ist das. Ich hoffe nur, daß sie verschwinden, bevor die "Stolz von Vondium" ausläuft. Sonst kommen die noch auf die Idee, mein Schiff zu kapern. Opazvergessenes Ungeziefer."

Bei diesen Worten hieb er mit dem Messer in das Voskfleisch auf seinem Teller, als hätte er die Piraten vor sich und wolle sie alle erdolchen. Jilian setzte sich ihm gegenüber und nahm dankend den Teller in Empfang, den Naghan der Dicke ihr gerade aus der Küche brachte. Hungrig machte sie sich darüber her und war überrascht, daß das Fleisch und die Momolams ganz im Gegensatz zum Eindruck, den der Wirt machte, ganz hervorragend waren.

Während des Essens unterhielt sie sich mit Nath dem Barynth. Nach kurzer Verhandlung waren sie sich über den Preis der Überfahrt einig. Die "Stolz von Vondium" wartete noch auf eine letzte Ladung Gremivoh, des köstlichen Weines der gleichnamigen Provinz, dann sollte sie auslaufen.

"Kommt morgen früh gegen die dritte Stunde nach Sonnenaufgang an Bord. Dann haben wir alles geladen und können mit der nächsten Flut auslaufen!"

Mit diesen Worten stand Nath auf und machte sich auf den Weg zum Schiff.

"Ich werde da sein, Kapitän."

"Ich hoffe es, meine Dame, sonst muß ich leider ohne euch auslaufen. Remberee!"

"Remberee, Kapitän!"

Nachdem Jilian ihr köstliches Mahl beendet hatte, genoß sie noch einen Becher Gremivoh und einige Palines, bevor sie sich auf den Weg zum Haus der Schwestern der Rose machte.

Draußen war es inzwischen schon dunkel geworden. Die Frau der Schleier versteckte sich hinter einigen dicken Wolken und die anderen sechs Monde Kregens, die sonst die Nacht erhellten, waren noch nicht aufgegangen. So war es fast so dunkel wie in einer Nacht Notor Zans, das war der Name für eine Nacht, in der kein Mond am kregischen Himmel steht. Zan ist der kregische Name für zehn und wenn alle sieben Monde und die zwei Sonnen nicht da sind, ist Notor Zan der Beherrscher der Nacht. Dieses Ereignis tritt nur äußerst selten auf, die Kreger sind die hellen Nächte mit dem Licht vieler Monde gewöhnt und so gab es nur wenig Straßenlaternen in Delphond. Ab und zu kam ein Strahl des rosafarbenen Lichtes der Frau der Schleier durch die Wolkendecke. So hatte Jilian einige Mühe, den Weg zurück zu finden.

Ein Teil des Weges ging direkt am Hafen entlang. Das Rauschen des Meeres und das Knarren der vor Anker liegenden Schiffe übertönte alle leiseren Geräusche. Nur wenige Stadtbewohner waren noch unterwegs und der Pier lag menschenleer da. Als Jilian um eine Straßenecke in Richtung Stadtzentrum bog, stieß sie mit einer ihr entgegenkommenden Gestalt zusammen. Sie wollte sich gerade entschuldigen, als ihr von hinten etwas weiches, staubiges, stinkendes über den Kopf geworfen wurde. Gleich darauf traf sie ein Schlag auf den Kopf und die Nacht Notor Zans umfing sie.

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