Auf See
Die Glocken Beng Kishis dröhnten in Jilians Kopf, als sie erwachte. Um sie herum war es immer noch dunkel. Ein sanftes Schaukeln unter ihrem Körper verriet ihr, daß sie sich auf einem Schiff befand. Ein bestialischer Gestank stieg in ihre Nase. Schweiß, Exkremente und andere unaussprechliche Gerüche vermischten sich zu einem schier unerträglichen Miasma. Jetzt drangen auch Geräusche durch das beständige Dröhnen in ihrem Kopf. Stöhnen, Jammern, Wehklagen und Flüche mischten sich mit dem Schlagen der Wellen an einen Schiffsrumpf. Mit einem leisen Seufzer versuchte Jilian sich aufzusetzen, doch irgend etwas hielt sie fest. Erst jetzt bemerkte sie, daß sie an Händen und Füßen angekettet war. Die Ketten waren nicht lang genug, damit sie sich setzen konnte. Außerdem stellte sie fest, daß man ihr die Kleidung ausgezogen hatte. Bis auf einen Lendenschurz war sie nackt. Nach einer Weile hatten sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt, so daß sie Einzelheiten in ihrer Umgebung erkennen konnte. Um sie herum waren ungefähr zwanzig Personen angekettet. Durch einige Ritze an der Decke drang etwas Licht. Es war also nicht mehr Nacht. Der Schlag auf den Kopf mußte wohl recht heftig gewesen sein, sonst wäre sie nicht so lange bewußtlos gewesen. Neben ihr regte sich eine Gestalt.
"Oh, du bist wach, Doma? Ich dachte, du würdest überhaupt nicht mehr aufwachen. Sie müssen dir einen ganz netten Schlag verpaßt haben."
"Wer war das? Wo sind wir? Wer bist du? Wohin fahren wir?"
"Sleetha, sleethi, Doma. Nur langsam. Du bist auf dem Argenter, der bis gestern Nacht vor der Küste Vallias gelegen hat. Wahrscheinlich hat man dich, wie uns alle, irgendwo an Land überfallen und mitgenommen. Wenn ich die Wachen richtig verstanden habe, ist dies ein Schiff aus Menaham, das hier Söldner und Sklaven aufnehmen soll. Allerdings sind die Söldner alle nur Masichieri und die Sklaven waren bis vor kurzem alle noch freie Bürger."
"Bei den widerlichen, triefenden Nasenlöchern Makki-Grodnos! Ich wollte zwar nach Menaham, aber eine etwas bequemere Reise hatte ich mir schon vorgestellt." Jilian hätte sich vor Ärger am liebsten irgendwohin gebissen.
"Hhm, ich kenne zwar deinen Makki-Grodno nicht, aber ich stimme dir zu. Es gibt bequemere Arten zu reisen. Ich heiße übrigens Markam, der Friedvolle."
"Ich bin Jilian Süßzahn. Du bist aus Vallia?" Im Zwielicht konnte sie nicht viel von ihrem Gegenüber erkennen, aber er schien ein Apim wie sie selbst zu sein.
"Nein, ich hatte geschäftlich in Vallia zu tun und hatte schon eine Passage nach Pandahem gebucht, als man mich überfiel." Jilian schien es, als würde Markam irgend etwas verheimlichen. Sie beschloß, ihm gegenüber vorsichtig zu sein.
"Oh, dann bist du wohl einer der Fahrgäste von Kapitän Nath, dem Barynth, die nicht an Bord gekommen sind?"
"Ja, so hieß der Kapitän der "Stolz von Vondium". Auf ihr wollten wir nach Pandahem übersetzen."
"Wir?"
"Ja, meine Freunde hier und ich." Bei diesen Worten versuchte er eine zeigende Geste zu machen, wurde aber sofort von seinen Ketten gebremst. "Nath, Paline und Tarsom haben mich auf meiner Reise begleitet."
"Ihr seid Kaufleute?"
"Nun ja, so etwas ähnliches", antwortete Markam ausweichend. "Leider war unser Verhandlungspartner gerade nicht im Land und das Mißtrauen der Vallianer Menahamern gegenüber ist wohl doch zu groß."
"Ihr seid die ersten Menahamern, die ich treffe, die mit Vallianern Geschäfte machen wollen."
"Bis jetzt hat sich Menaham ja auch bei allen anderen Ländern Paz' unbeliebt gemacht. Ich hatte gehofft, daß ich einen Anfang machen könnte, um das zu ändern."
"Nun, Markam der Friedvolle, es scheint dir wohl nicht ganz gelungen zu sein", bemerkte Jilian spöttisch.
"Ja, das kann man wohl sagen. Und unsere Freiheit haben wir obendrein auch noch verloren."
"Bei Dee-Sheon! Die werde ich mir wiederholen!"
"Wie willst du das denn anstellen? Angekettet und ohne Waffen? Kannst du zaubern?" Jetzt meldete sich Markams Begleiterin Paline spöttisch zu Wort. "Glaubst du, man wird dich einfach so wieder gehen lassen? Wer einmal Sklave ist, ist immer Sklave. Die Freiheit bekommen wir nie mehr zurück."
"In Vallia gibt es keine Sklaverei mehr. Der Herrscher hat sie verboten. Niemand soll mehr ein Sklave sein. Mich hat er persönlich aus der Sklaverei befreit, nachdem ich von Flutsmännern gefangen wurde und an Kov Colun Mogper verkauft worden war."
"Du kennst Kov Colun Mogper?" Markams Stimme klang plötzlich alarmiert.
"Kennen? Ich hasse ihn, wie man nur einen Menschen hassen kann." Jilians Stimme bebte. "Für das, was er getan hat, wird er mit seinem Leben bezahlen müssen."
"Was hat er denn so Schreckliches getan?" Klang da nicht ein spöttischer Unterton mit? "Soweit ich weiß, hat er zwar einige Truppen gegen Vallia ins Feld geführt, aber das berechtigt doch noch keinen persönlichen Rachefeldzug."
"Ich will darüber nicht reden. Das geht nur mich etwas an."
Paline lachte spöttisch. "Na, er wird das getan haben, was fast alle Sklavenherren mit schönen, neuen Sklavinnen tun. Das ist doch nichts Besonderes. Das gehört eben zum Sklavendasein dazu."
Jilian geriet in Wut.
"Was weißt denn du schon? Du mußtest ja nicht zusehen, wie deine eigene kleine Schwester zu Tode gequält wird. Du hast nicht hilflos daneben stehen müssen und zusehen, wie der Kov sie als Vergnügungsobjekt seinen Soldaten überließ. Als sie mit ihr fertig waren, war sie tot und der Kov hat dazu gelacht. Und warum? Nur, um zu sehen, wie sie leidet und wie ihre Leiden mir weh tun. Ich werde ihn umbringen. Und wenn es das Letzte ist, was ich tue. Bei Dee-Sheon, das werde ich!"
Paline hatte mit wachsendem Entsetzen zugehört. "Oh, Jilian, das habe ich nicht gewußt. Das tut mir leid."
"Natürlich hast du es nicht gewußt. Und ich wollte auch gar nicht darüber reden." Jilian war aufgewühlt von der Erinnerung an diesen schrecklichen Tag. Der Schmerz in ihrer Seele war noch genauso groß wie damals, als es passierte.
"Jilian," unterbrach jetzt Markam die eingetretene Stille. "Glaubst du wirklich, deine Rache wird irgend etwas ändern? Nichts kann deine Schwester wieder lebendig machen. Wem nützt denn der Tod Mogpers etwas? Wird es die Wunden in deiner Seele heilen? Es wäre doch besser, ihn einem ordentlichen Gericht zu übergeben. Dann würde wenigstens Gerechtigkeit geübt."
"Ordentliches Gericht, ach, wo ist denn das Gericht, das in Menaham einen Sklavenherren verurteilt? In Menaham gibt es doch gar keine Gerechtigkeit. Nur Kriegstreiber, Sklavenherren und Ausbeuter."
Bei jedem Wort Jilians wurde Markam ein wenig ärgerlicher, aber er beherrschte sich.
"Nun, ich gebe zu, so war es lange Zeit. Aber Menaham hat sich geändert. Das Volk in Menaham will nicht länger von allen anderen Ländern Paz' gemieden werden. Sie begehren gegen die Sklavenherren und Kriegstreiber auf. Sie sind es leid, immer mehr Steuern an ihre Adligen zu zahlen und zum Ausgleich ihre Kinder an Sklavenfänger zu verlieren. Sie rufen nach Freiheit und Gerechtigkeit, wie sie seit kurzem in Vallia herrschen. Viele haben in Vallia gekämpft und sich gewünscht, dazuzugehören statt Vallia zu zerstören. Nun gehen sie in Menaham von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und sammeln immer mehr Anhänger für ihre Bewegung, die ein neues Menaham bilden will."
Jilian hatte fasziniert zugehört, wie Markam sich immer mehr in Begeisterung redete.
"Du scheinst wirklich daran zu glauben, daß so etwas möglich ist. Vallia war niemals so verkommen und korrupt wie Menaham. Wie kannst du diese beiden Länder nur vergleichen? Die Adligen in Menaham werden die wenigen Anhänger dieser Bewegung fangen und abschlachten, ehe der Aufstand überhaupt richtig in Gang gekommen ist. Du wirst es sehen."
Jetzt mischte sich Tarsom in die Diskussion ein. Seine sonore Stimme klang überzeugt.
"Wir haben den Sohn unseres Herrschers auf unserer Seite. Mit seiner Hilfe werden wir Menaham erneuern."
"Wir?" fragte Jilian. "Ihr seid an dieser Bewegung beteiligt?"
"Aber ja," antwortete Tarsom, erhielt aber im selben Moment noch warnende Blicke von Nath und Paline und verstummte sogleich wieder.
"Dann wolltet ihr wohl in Vallia um Hilfe für euren Aufstand bitten und seid abgewiesen worden?"
"Wir kamen gar nicht erst bis zum Herrscher von Vallia. Er war nicht da und sein Gefolge traute uns als Menahamern nicht."
"Traue keinem Menahamer oder es wird das Letzte sein, was du tust. Das hat mich schon meine Mutter gelehrt. Und als Dank für eure Bemühungen für die Bewegung werdet ihr ausgerechnet von einem menahamischen Sklavenfänger erwischt. Das ist schon ein Witz." Jilian gab ein belustigtes Grunzen von sich. "Mir scheint euer Aufstand endet, ehe er begonnen hat."
"Das wird er nicht." Entschlossenheit und Überzeugung klangen aus Markams Worten. "Andere werden an unsere Stelle treten und beenden, was wir begonnen haben."
"Ihr habt es begonnen? Das wird ja immer interessanter."
Paline und Nath wurden immer unruhiger. Offensichtlich fürchteten sie, daß Markam und Tarsom zuviel reden würden. Sie trauten Jilian nicht. Markam bemerkte ihre Nervosität und warf ihnen einen beruhigenden Blick zu.
"Ja, wir gehörten zu den Ersten, die diese Ideen verbreiteten und deshalb wurden wir in Menaham auch schon verfolgt. Und wenn wir es nicht schaffen, von diesem Schiff zu entfliehen, werden wir wohl vor den Herrscher von Menaham gebracht werden und nachdem er seinen Spaß mit uns gehabt hat, wird er uns in der Arena abschlachten lassen."
"Wieso sollte euch jemand erkennen? Seid ihr schon so bekannt? Wahrscheinlich wird man euch nur irgendwo auf einem Sklavenmarkt als Sonderangebot verkaufen."
Irgend etwas reizte Jilian immer wieder, Markam zu verspotten. Sie konnte es einfach nicht lassen.
"Nein, leider schweben wir in großer Gefahr, erkannt zu werden. Man hat uns nur noch nicht erkannt, weil es dunkel war, als wir überfallen wurden. Aber ich habe den Kapitän dieses Schiffes an seiner Stimme erkannt. Und er wird mich auch erkennen, wenn er mich sieht. Dann wird unsere ganze Gruppe dem Herrscher von Menaham vorgeführt werden."
Jilian taten ihre spöttischen Worte schon wieder leid. "Wir müssen auf jeden Fall versuchen zu fliehen. Leider finde ich kein nachgiebiges Glied in der Kette, mit der ich angekettet bin. Aber wir werden schon eine passende Gelegenheit finden und sie auch nutzen."
"Du solltest dich unserer Bewegung zur Befreiung Menahams anschließen! Dann wirst du Colun Mogper früher oder später auf jeden Fall treffen. Er ist zur Zeit die rechte Hand des menahamischen Herrschers und der zweite Mann im Reich. Ich bin mir aber sicher, daß er insgeheim selbst den Thron von Menaham besteigen will. Wenn er jetzt mit Hilfe des Heeres die Aufständischen besiegt, hat er die besten Möglichkeiten, den menahamischen Herrscher zu stürzen. Wir müssen dies mit allen Mitteln verhindern. Ich fürchte nur, das dies den Aufständischen ohne Hilfe von Außen nicht gelingen wird. Wenn uns diese Sklavenfänger nicht erwischt hätten, hätte unsere Gruppe versucht, in anderen Ländern Pandahems Hilfe zu bekommen. Jedem vernünftigen Herrscher in Pandahem muß daran gelegen sein, ein friedliches Menaham zu bekommen."
"Ich habe in Vallia ein Regiment Jikai-Vuvushis zusammengestellt, um den Herrscher von Vallia zu unterstützen. Wenn ich mich befreien kann, werde ich dort nach Freiwilligen für den Kampf um eure Sache suchen. Das ist eine gute Gelegenheit Mogper zu vernichten."
"Jikai-Vuvushis?" Paline war erstaunt. "Ich wußte gar nicht, daß es Frauen gibt, die eine Waffe tragen dürfen. Uns in Menaham ist das nicht erlaubt."
"Ihr Menahamer seid schon ein übles Volk. Warum sollten Frauen keine Waffen tragen dürfen? Ich will mich doch wehren können, wenn mich jemand angreift. Und warum machst du bei dem Aufstand mit, wenn du nicht kämpfen willst?"
"Ich bin Naths Frau. Ich muß ihm überall folgen, wohin er geht. Das gehört sich doch so."
"Das ist ja auch nicht besser als Sklaverei. Ich tue und lasse, was ich will. Was denkst du denn über den Aufstand? Willst du auch ein neues Menaham oder will nur dein Nath eines? Wenn es nicht deinem eigenen Willen entspricht, solltest du dich auch nicht mit hineinziehen lassen."
"Wie kannst du nur so etwas sagen? Das ist ja obszön! Einen Frau hat ihrem Mann zu folgen und das zu tun was er will. Dafür wurde sie geboren."
"Genau!", brummte Nath. "So gehört es sich. Markam, du solltest nicht weiter mit dieser vallianischen Schlampe reden. Ich habe dir ja gleich gesagt, das aus Vallia nicht Gutes kommt. Wir sollten allein für unsere Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen, sonst überfluten uns die Vallianer und andere Fremde noch völlig mit ihren obskuren und obszönen Ideen. Wir wollen zwar unsere Regierung stürzen, aber doch nicht unsere ganze Lebensweise ändern." Nach dieser langen Rede verfiel Nath wieder in sein vorheriges Schweigen.
"Nath, Nath, wann verstehst du endlich, das ich genau das will. Wenn wir nicht auch unsere Lebensweise ändern, werden wir nie friedlich mit anderen Völkern zusammenleben können. Und was spricht denn wirklich dagegen, daß Frauen nicht ihre eigene Meinung haben dürfen, ihre Selbstbestimmung und ihre Entscheidungsfreiheit? Warum sollten sie keinen Waffen tragen dürfen? Nur weil sie Frauen sind? Das ist wirklich primitiv und rückständig. Menaham muß sich ändern und seine Bevölkerung, wenn es überleben will."
"Und ich sage dir, das ist falsch. Eine Frau ist gar nicht dazu in der Lage, über sich selbst zu bestimmen, ihr fehlt der Verstand dazu. Queyd-arn-tung. Dazu ist nichts mehr zu sagen."
"Du wirst es schon noch begreifen, Nath. Und auch du, Paline, lerne von Jilian anstatt sie zu beleidigen!"
Jilian hatte mehrmals tief Luft geholt und versucht, Nath empört Antwort zu geben. Markam war ihr jedoch jedes Mal zuvorgekommen. Jetzt sah er sie entschuldigend an und zuckte mit den Schultern.
"Jetzt siehst Du, wie rückständig wir noch sind, Jilian. Es wird nicht ausreichen, nur den König zu stürzen und durch einen anderen Herrscher zu ersetzen. Nein, wir alle müssen uns selbst ändern, um im Vergleich mit den andren Völkern von Paz zu bestehen. Das einfache Volk in Menaham wird nur ausgenutzt und ist auch nicht bösartiger als jedes andere auch. Ich war einige Jahre in anderen Ländern. Das hat mir die Augen geöffnet. Aber das beste Vorbild ist Vallia. Wenn wir den Vallianern nacheifern, werden wir uns mit den anderen Völkern Pandahems aussöhnen und uns gegen andere Feinde verteidigen können, während Menaham zu einer neuen Blütezeit kommt."
"Andere Feinde? Du meinst Vallia oder Hamal?" Jilians Frage klang scharf und alarmiert.
"Nein, ich meine diese neuen Feinde, die seit einiger Zeit über das Meer kommen und unsere Küsten bedrohen."
"Diffs mit Fischgesichtern? Wilde, kriegerische Eroberer, die alles niedermachen, was sich ihnen in den Weg stellt?"
"Du kennst diese Wesen?"
"Es sind Shanks. Überall in ganz Paz überfallen sie die Küsten und versuchen zu erobern, was sie bekommen können. Es ist eine Invasion, der wir alle gemeinsam entgegentreten müssen. Keine Nation ist in der Lage, sich allein gegen diesen mächtigen Feind zu wehren. Wenn Menaham sich wirklich endlich zum Frieden mit Vallia und anderen Ländern entschließen könnte, wäre es ein mächtiger und gefragter Verbündeter. Es wäre wirklich zu wünschen."
Das Gespräch schlief ein und jeder grübelte vor sich hin.
Gegen Mittag wurden die Sklaven mit ein paar Eimern Meerwasser übergossen und bekamen einen übelriechenden Brei zu essen und etwas abgestandenes, brackiges Wasser zu trinken. Es war heiß unter Deck und einige der Gefangenen jammerten ununterbrochen vor sich hin.
In dieser Nacht kamen die bösen Träume wieder, die Jilian seit langer Zeit nicht mehr geträumt hatte. Die Gespräche des Tages und die Erinnerung an den Tod ihrer Schwester hatte sie völlig aufgewühlt. Immer wieder erlebte sie im Traum die letzten Minuten im Leben ihrer Schwester. Sie hörte das widerliche, böse Lachen Colun Mogpers. Sie sah in die Augen ihrer Schwester, deren letzter gequälter Blick ihr gegolten hatte. Dann erlosch dieser Blick und nur noch das Lachen Mogpers gellte in ihren Ohren.
Als Jilian erwachte, fühlte sie sich elend und zerschlagen. Und daran waren nicht allein die harte Unterlage und die Ketten schuld.
In den folgenden Tagen war ihre einzige Beschäftigung, mit Markam und seinen Begleitern zu diskutieren. Sie bekamen einmal am Tage zu essen und wurden gelegentlich mit Wasser übergossen. Für den normalen Kreger, der mindestens fünf Mahlzeiten am Tage zu sich nimmt und zu dessen liebsten Freizeitbeschäftigungen der Besuch eines neunfachen Bades gehört, war das eine unerträgliche und demütigende Behandlung. Als einer der Gefangenen vor Schwäche starb, wurde er losgekettet und über Bord geworfen. Irgendwann verloren sie jegliches Zeitgefühl. Aber auch diese Reise hatte ein Ende. Eines Tages veränderte sich der Klang des Meeresrauschens. Jilian hörte, wie sich die Wellen an Felsen brachen. Kurz darauf wurden die Segel eingeholt und der Anker rauschte ins Wasser.
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