Der Sklavenmarkt

Die Luke, die aufs Deck hinauf führte, wurde aufgerissen. Ein Peitschendeldar und einige Wachen stiegen die Leiter zu den Sklaven hinunter.

"Los, steht auf!" brüllte der Deldar, während er begann, die Sklaven vom Deck loszuketten. Sie blieben auch weiterhin aneinander gefesselt, so daß niemand auch nur ans Fliehen denken konnte. Um die Sklaven ein wenig aufzumuntern - wie er es nannte - schlug der Deldar, Sliko, die Schlange genannt, wahllos mit der Peitsche auf die Gefangenen ein. Als seine Peitsche auch Markam treffen sollte, warf sich Tarsom brüllend dazwischen. Mit ebenso lautem Gebrüll stürzten sich die Wachen auf ihn und schlugen ihn nieder. Markam, der vor ihm angekettet war, versuchte ihn zu schützen und wurde genauso niedergeschlagen. Anschließend zerrte man die widerstrebenden Sklaven in Richtung Luke und befahl ihnen nach oben zu steigen.

"Der nächste, der Ärger macht, wird Fischfutter!" brüllte Sliko, die Schlange.

Murrend und stöhnend schlurften die Sklaven die Leiter hoch, immer wieder durch ihre Ketten behindert. Nath, der vor Markam angekettet war, versuchte, den halb betäubten Mann mit hinauf zu ziehen, während Jilian Tarsom von hinten her schob. Mit Mühe kamen sie auf Deck. Dort mußten sich alle Sklaven in einer Reihe aufstellen. Alle waren mehr oder weniger nackt, schmutzig und stanken entsetzlich. Es wehte eine leichte Brise vom Meer her über das Schiff. Jilian sog begierig die würzige frische Luft ein. Welch ein Genuß!

Ein dicker, schwitzender Mann, der viele Ringe an den Fingern trug und in schreienden Farben gekleidet war, sah sich jeden einzelnen Sklaven genau an. Hinter ihm ging der Peitschendeldar. Jeder Sklave, der dem Dicken gefiel, wurde losgekettet und auf die Seite geschickt. Als der Sklavenhändler zu Paline kam, schaute er sie genau an, dann prüfte er mit seinen dicken Fingern ihre Arme und Zähne. Paline lies alles zitternd über sich ergehen. Offensichtlich fiel die Prüfung zur Zufriedenheit des Mannes aus, denn er lies Paline losketten und schickte sie zu den anderen ausgewählten Sklaven. Jetzt war die Reihe an Jilian. Schweißgeruch drang in ihre Nase und vermischte sich mit der frischen Meeresluft, die sie noch gerade dankbar eingeatmet hatte. Angewidert verzog sie das Gesicht. Natürlich blieb das nicht unbemerkt. Gerade als Sliko wieder einmal die Peitsche hob, um sie zu bestrafen, legte der Dicke die Hand auf Slikos Arm, um ihn daran zu hindern.

"Noch nicht, Sliko!"

"Sie ist schlecht erzogen, Pantor Mopser. Ich werde ihr Manieren beibringen."

"Warte, der Kapitän sagte doch, daß dies alles frische Sklaven sind. Lassen wir ihr ein wenig Zeit sich zu besinnen."

Mit einem schmierigen Lächeln dreht er sich zu Jilian um. "Nicht wahr, mein Täubchen, du willst doch keinen Ärger haben? Willst doch deinem neuen Herrn und Meister gefallen? Oder magst Du lieber mit dem Abschaum da drüben an die Steinbrüche verkauft werden?" Dabei deutete er auf die Sklaven, die er bei seiner Auswahl nicht berücksichtigt hatte. Als diese hörten, wohin sie verkauft würden, ging ein Aufstöhnen durch ihre Reihe. Jilian dagegen blickte Mopser weiterhin verächtlich ins Gesicht und schwieg.

Mopser befühlte Jilians Arme und wollte nun auch ihre Zähne prüfen. Sogleich biß Jilian herzhaft zu und Mopser zog seinen dicken Finger mit einem wehleidigem Aufschrei zurück. Rücksichtslos begann Sliko nun, auf Jilian einzuschlagen. Darauf hatte Jilian gewartet. Mit einer geschickten Handbewegung, die so schnell war, das niemand sie richtig sah, entriß sie Sliko die Peitsche. Durch ein kurzes Hochschleudern bekam sie das richtige Ende in die Hand, holte blitzschnell aus und schon hatte sich das Peitschenende um Slikos Genick gewickelt. Ein Ruck, ein Knacken und ohne einen weiteren Laut fiel Sliko tot aufs Deck, direkt vor Tarsoms Füße.

Dies alles geschah innerhalb weniger Sekunden. Erst jetzt reagierten die anderen Wachen. Gleichzeitig rannten sie zu Jilian. Der erste bezahlte seine Schnelligkeit mit einem Auge. Als er laut aufschreiend zurücktaumelte, riß er die zweite Wache mit sich. Mopser, der noch fassungslos an seinem Finger saugend im Wege stand, wurde ebenfalls mit umgerissen. Die drei bildeten ein wildes, schreiendes und zappelndes Knäuel, das verhinderte, daß die übrigen Wachen, es waren nur noch drei, in Jilians Nähe kamen. Ein paar Matrosen schauten mit offenem Mund zu. Tarsom, der gerade noch mit schmerzverzerrtem Gesicht Markam gestützt hatte, warf sich auf den toten Sliko und riß ihm mit einem Ruck das Schwert aus der Scheide, stach noch im Liegen auf die dritte Wache ein, zerrte ungeduldig den Schlüssel für die Sklavenketten aus Slikos Gürtel und warf diesen Nath zu. Während Nath schnellstens begann, seine Ketten zu öffnen, um dann auch die anderen zu befreien, wickelte sich Jilians Peitsche schnalzend um den Hals der vierten Wache, ein weiteres kurzes Knacken und auch diese Wache war auf dem Weg zu den Eisgletschern von Sicce. Noch bevor Tarsom den Fünften erledigen konnte, sprang dieser voller Panik über Bord.

Nath hatte unterdessen Paline und Markam befreit. Jetzt war Tarsom an der Reihe. Dies alles war in wenigen Sekunden geschehen. Nun begannen die Sklaven zu brüllen und an ihren Ketten zu zerren. Als letzte fielen Jilians Ketten, dann warf Nath einem der Sklaven, die in der Nähe standen und die toten Wachen entwaffneten, den Schlüssel zu. Während sich nun um den glücklichen Besitzer des Schlüssels ein erneuter Tumult bildete, rannten Jilian, Markam und seine Begleiter zu der Seite des Schiffes, die seeseitig lag. Im Laufen rollte Jilian die Peitsche in sich zusammen und warf sie sich über die Schulter. Ein paar neugierige Matrosen wurden von ihnen aus dem Weg gestoßen, wobei Markam einem der Burschen ein Messer entriß, dann sprangen sie alle zugleich ins Wasser.

Das Wasser des Hafens schlug über ihnen zusammen.

Erfrischende saubere Kühle umgab Jilian, als sie langsam nach unten sank. Sie öffnete die Augen und sah sich nach allen Seiten um. Seitlich über ihr begannen Tarsom und Markam langsam nach oben zu steigen, während Paline versuchte, den wild um sich schlagenden Nath an die Oberfläche zu ziehen. Jilian wollte schon in ihre Richtung schwimmen, als sie auf der anderen Seite im Augenwinkel einen sich bewegenden Schatten wahrnahm. Jilian war kein Küstenbewohner und kannte sich mit den Meerestieren nicht besonders gut aus. Aber eines war ihr klar, daß dieses Biest, das jetzt auf sie zukam, gefährlich war. Der graue, schlanke, etwa drei Meter lange Schatten kam näher. Offenbar wollte er an Jilian vorbei zu Nath, der das Wasser um sich herum in wilden panischen Schlägen aufwühlte. Diese Unruhe lockte das Tier an. Es würde Nath keine Chance lassen. Markam bemerkte die Panik Naths und schwamm auf ihn zu, während Tarsom die Oberfläche durchstieß, tief Luft holte und wieder untertauchte, um nach Jilian zu suchen. Dieser ging langsam die Luft aus, aber sie bewegte sich nicht, bis der große Raubfisch dicht an ihr vorbei kam. Entschlossen griff sie mit der rechten Hand nach seiner Rückenflosse. Sie bekam sie zu fassen und ein Ruck ging durch ihren Arm, daß sie das Gefühl hatte, er würde ihr ausgerissen. Luft wurde ihr aus der Lunge gepreßt. Ihre Linke erwischte nun ebenfalls die Rückenflosse und mit einer gewaltigen Anstrengung schlang sie die Beine um das Tier.

Jetzt hatte Tarsom die Gefahr entdeckt und schwamm auf Jilian und den Fisch zu. Das Schwert hatte er seit der Befreiung nicht losgelassen. Es behinderte ihn beim Schwimmen und er kam nur langsam voran. Der Fisch indessen war von seiner Reiterin keinesfalls angetan. Wütend fuhr er herum und versuchte Jilian zu beißen und abzustreifen. Er tobte wild herum, während Jilian auch noch das letzte bißchen Luft aus der Lunge gedrückt wurde. Sterne tanzten vor ihren Augen, als das Tier die Wasseroberfläche durchstieß. Gierig holte Jilian Luft, da ging es auch schon wieder abwärts in die Tiefe. Ohne ihre Fähigkeiten als gute Zorcareiterin wäre sie schon längst abgeworfen worden. Dann war Tarsom heran und stieß das Schwert tief in die Seite des tobenden Fisches. Um ein Haar erwischte er dabei Jilians linkes Bein. Im Todeskampf tauchte die Bestie senkrecht in die Tiefe. Tarsom konnte sein Schwert nicht aus dem Körper des Tieres befreien und wurde mitgerissen. Jilian versuchte, ihre verkrampften Hände von der Flosse zu lösen, aber ihre Fingernägel hatten sich tief in das Fleisch des Fisches gegraben und ihre gekrümmten Finger waren in dem kalten Wasser schnell steif geworden.

In einer schäumenden, blutigen Wolke ging es in die tödliche Tiefe. Tarsom zerrte energisch mit beiden Händen an seinem Schwert, das er auf keinen Fall in dem sterbenden Räuber des Meeres zurücklassen wollte. Endlich bekam er es frei. Jilian schwand langsam das Bewußtsein und Blasen stiegen aus ihrem Mund, als sich endlich ihre Hände lösten. Gleich darauf fühlte sie, wie Tarsom einen Arm um ihre Hüfte legte und sie mit sich an die rettende Oberfläche zog. Wasser begann schon in ihre Lungen einzudringen, als sie endlich den Kopf aus dem Wasser stieß und hustend nach Luft rang.

"Bei Pandrite", sagte Tarsom, "das war knapp."

Markam und Paline hatten inzwischen Nath sicher auf beiden Seiten gepackt und ihn nah an die Schiffswand gezogen. Der Bauch des Argenters wölbte sich hoch über ihnen auf, so daß man sie von oben nicht sehen konnte. Tarsom schwamm auf die anderen zu und zog Jilian hinter sich her. Nun waren sie weder vom Schiff aus noch vom Hafen her zu entdecken. Wassertretend blieben sie in der Deckung des Schiffsbauches. Glücklicherweise gab es im Hafen keine hohen Wellen. Nur gelegentlich wurden sie gegen die Bordwand gedrückt. Seit ihrem Sprung von Bord waren erst wenige Augenblicke vergangen. Der Kampf hatte sich blitzschnell abgespielt. Über ihnen ertönten plötzlich Stimmen:

"Seht nur, da ist alles voller Blut. Die sind ihrer Strafe nicht entgangen. Der alte Chank hat sie erwischt."

"Ich hätte sie härter bestraft als der Chank und anschließend wären sie mir noch nützlich gewesen!" Das war eindeutig die Stimme von Mopser, dem Sklavenhändler.

"Nun, diese Rasts sind auf jeden Fall tot. Kümmern wir uns um die anderen, die noch frei herumlaufen. Ich habe keine Lust, meinen ganzen Gewinn davonlaufen zu sehen." Das mußte der Kapitän sein.

Schritte entfernten sich. Dann wurde es still.

Jilian hatte verzweifelt versucht, das Husten zu unterdrücken. Jetzt stieß sie keuchend den Atem aus. "Welcher Onker ist nur auf die opazvergessene Idee gekommen, ins Wasser zu fliehen?"

"Nun," sagte Markam, "ich hielt das für unsere beste Chance. Und wenn wir es schaffen, ungesehen vom Schiff wegzukommen, dann haben wir es geschafft. Man hält uns ja für tot."

"Bis auf die Tatsache, daß Nath nicht schwimmen kann, wir alle fast von einem Riesenfisch gefressen worden sind, man überall nach den anderen Entflohenen sucht und somit auch wieder auf uns stoßen kann, war es eine gute Idee." kommentierte Jilian. "Und wie Markam, der Schlaue, kommen wir nun hier weg?"

"Nun, ich dachte, wir warten einfach bis es dunkel wird und schleichen uns dann an Land."

"Ach, du heilige Einfalt!" brach es aus Jilian heraus. "Und in der Zwischenzeit ertrinkt Nath und uns übrige knabbern die Fische an. Ein wundervoller Plan." Jilians Stimme triefte nur so vor Sarkasmus.

Ärgerlich wedelte Markam mit seiner freien Hand und spritzte dabei Wasser in Jilians Gesicht. "Du hättest ja nicht mitkommen brauchen."

Jilian hatte schon tief eingeatmet, um eine passende Antwort heraus zu sprudeln, da fiel ihnen Tarsom ins Wort: "Sleetha, sleethi, ihr beiden, so kommen wir nicht weiter. Dem Hafen gegenüber sind ein paar kleine Inselchen. Sie sind zu klein, um bewohnt zu werden und niemand wird uns dort suchen. Die anderen entflohenen Sklaven sind in der Stadt verschwunden, so könnten wir dort in Ruhe abwarten, bis sich alles beruhigt hat." Tarsom deutete auf ein paar Inseln, die im Dunst gerade noch zu erkennen waren.

"Und wie kommen wir ungesehen dorthin? Es ist eine ziemlich lange Strecke bis zu diesen Inseln und Nath kann nicht schwimmen." Jilian war skeptisch.

Tarsom sah sich suchend um. "Da drüben, das Fischerboot wird uns hinüber bringen."

"Was? Du willst auch noch ein Boot stehlen? Reicht es nicht, daß sie uns schon so jagen? Wußte ich es doch. Die Menahamer sind alle schlecht."

Nath warf Jilian einen bösen Blick zu.

"Wir werden für unsere Überfahrt bezahlen, wenn wir wieder zu Hause sind", sagte er dann gurgelnd, weil sein Mund immer wieder unter Wasser geriet.

"Ahh ja, sicher. Nun gut. Mir fällt auch nichts Besseres ein, also einverstanden."

"Wartet hier", Tarsom wandte sich um und schwamm am Bauch des Schiffes entlang in Richtung Fischerboot.

"Keine Sorge", murmelte Jilian vor sich hin, "hier ist es so gemütlich, wir werden noch ein Weilchen bleiben." Aber das hörte Tarsom schon nicht mehr.

Nath sah immer wieder ängstlich ins Wasser, aber es war kein Raubfisch mehr in der Nähe, der ihnen gefährlich werden konnte. Wahrscheinlich hatte es sich um einen Einzelgänger gehandelt, der sich ins Hafenbecken verirrt hatte. Bald war Tarsom mit einem Boot zurück, das er an einer Leine hinter sich her zog. Während über ihnen Peitschenknallen und das Wehgeschrei der Sklaven, die nicht hatten fliehen können erklang, hievten sie mit vereinten Kräften erst Nath und dann Paline ins Boot. Nath blieb wie ein nasser Sack am Boden des Bootes liegen und schnaufte.

"Jetzt Du, Jilian!" sagte Markam.

"Ich dachte, in Menaham gelten die Frauen nichts und kommen als letzte an die Reihe? Jemand muß das Boot ziehen. Rudern wäre zu auffällig. Steigt ein!"

"Ich sagte doch schon, daß wir Menaham ändern wollen, das gilt für alle Bereiche unseres Lebens. Ich ziehe das Boot zuerst, dann kann mich Tarsom ablösen." Markam war eindeutig beleidigt. Tarsom grinste breit, faßte Jilian um die Hüften und warf sie über den Bootsrand.

"Wie sagt man in Clishdrin so schön? Shishis zuerst?"

"Es heißt: Koteras zuerst, und ist ein vallianisches Sprichwort! Ich werde nach Markam das Boot ziehen." Jetzt war Jilian verärgert. Sie zog sich ganz ins Boot und machte Tarsom Platz.

"Macht nicht solch einen Lärm!" zischte Paline. "Wenn sie die Sklaven von Bord getrieben haben, wird es so ruhig sein, daß sie uns hören können."

"Bis dahin sind wir schon ein Stück weg. Legt euch flach hin, damit man euch nicht zufällig entdeckt." Markam nahm die Leine und begann mühsam, das Boot hinter sich her zu ziehen. Nachdem es einmal in Bewegung war, ging es schließlich leichter.

Es fand sich ein großes wachsgetränktes Tuch im Boot, das wohl dazu gedacht war, das Boot bei Regen davor zu schützen vollzulaufen. Dieses breitete Tarsom sorgfältig über alle aus, bevor er selbst auch darunter kroch.

Langsam bewegte sich das Boot vom Land weg. Für einen zufälligen Beobachter sah es aus, als ob ein losgerissenes Boot unbemannt auf das offene Meer zutrieb. Man würde eine spöttische Bemerkung über den unvorsichtigen Besitzer des Bootes machen und es dann ignorieren. Der Hafen war in eine natürliche Bucht hineingebaut. Seine Öffnung zum Meer hin wurde durch einige kleine Inselchen begrenzt. Dazwischen waren schmale Fahrrinnen, die zwar Schiffsverkehr zuließen, aber durch ihre Enge einen feindlichen oder räuberischen Überfall erschwerten. Markam steuerte die mittlere und größte dieser Inseln an. Das große, schwere Boot kam nur langsam voran. Nach etwa der Hälfte des Weges glitt Jilian unbemerkt von den anderen über den Bug ins Wasser.

"Ablösung!"

"Das Boot ist zu schwer für Dich!"

"Du bist erschöpft. Wir ziehen gemeinsam."

"Du gibst wohl nie nach?" seufzte Markam und hielt die Schlinge in der Leine so, daß auch Jilian mitziehen konnte.

"Gelegentlich schon," grinste Jilian und steckte ihren Arm hindurch. Schulter an Schulter zogen sie nun gemeinsam das Boot, das dadurch merklich schneller wurde. "Aber ich habe dir Zeit genug gegeben einzusehen, daß Du es nicht alleine schaffst."

"Aber nicht genug Zeit für Tarsom, um mich abzulösen," murrte Markam.

"Er ist auch erschöpft. Schließlich wurde er erst zusammengeschlagen und hat dann noch den Fisch getötet."

"Gegen den Chank hast Du auch gekämpft und ich wurde auch zusammengeschlagen."

"Aber er hat auch noch das Boot geholt."

"Arghh, immer will sie das letzte Wort haben. Shishis!"

"Männer!"

Von nun an schwammen sie stumm nebeneinander her. Langsam rückte die Insel näher. Schon von weitem war ein flacher unbewachsener Sandstrand zu erkennen, der nach einigen Metern in einen kleinen Wald überging. Die Sonnen brannten heiß herunter. Es war um die Stunde des Mid. Während ihre Körper durch das Wasser immer mehr auskühlten und es ihnen schwerer fiel, das Boot weiterzuziehen, röteten sich ihre Köpfe. Auf dem letzen Stück des Weges bekamen sie Hilfe von Tarsom. Erleichtert ließ sich Markam, der sich nun völlig verausgabt hatte, von ihm ablösen. Da er jetzt keine Kraft mehr hatte, sich an Bord zu ziehen, hielt er sich hinter Jilian und Tarsom am Seil fest und ließ sich ziehen.

Bald war das Ufer erreicht. Nachdem alle ausgestiegen waren, zogen sie mit vereinten Kräften das Boot an den Strand und von da aus bis ins erste Unterholz. Sie tarnten es mit Zweigen und ließen sich dann erschöpft daneben fallen. Eine Weile war nur keuchendes Atmen zu hören, dann raffte sich Jilian auf.

"Ich schaue nach, ob wir auch wirklich allein auf der Insel sind."

"Ich helfe dir."

Jilian wandte sich überrascht zu Paline um. "Du? In Ordnung, aber sei vorsichtig! Gehe Du nach rechts, ich gehe nach links. Wenn wir uns treffen, kommen wir durch die Mitte zurück.

Vorsichtig bewegten sich die beiden Frauen durch das Unterholz davon. Eine halbe Bur später trafen sie sich auf der anderen Seite der Insel.

"Hast du jemanden gesehen?"

"Nein, Jilian. Und du?"

"Ich auch nicht. Gehen wir durch die Mitte zurück. Dann können wir ziemlich sicher sein, daß wir nichts übersehen haben.

In der Mitte der Insel wartete eine Überraschung auf sie.

"Eine Quelle!" rief Paline entzückt und lief geradewegs darauf zu.

"Halt, Paline! Laß uns erst die Gegend völlig erforschen!"

Aber zu spät. Paline lag bäuchlings an der Quelle und trank aus vollen Zügen. Jilian kochte vor Wut. Trotzdem blieb sie in Deckung und wartete ab. Aber nichts außer dem Schlürfen Palines war zu hören. Schließlich ging Jilian auch auf die Quelle zu. Aber nicht ohne sich noch ein paarmal umzusehen. Ärgerlich packte sie Palines Schulter.

"Wenn jemand in der Nähe gewesen wäre, hätte man dich gehört und uns entdeckt."

"Es ist aber doch niemand hier," widersprach Paline trotzig.

In diesem Augenblick knackte ein Zweig in der Nähe, so als ob ein Fuß darauf getreten wäre und ihn zerbrochen hätte. Paline zuckte zusammen und sah sich ängstlich um, während Jilian mit einer schnellen Bewegung die Peitsche von der Schulter nahm und sich abwehrbereit duckte, um ins Unterholz zu schauen. Im nächsten Moment richtete sie sich erleichtert auf, denn die drei Männer, die jetzt auf die Lichtung traten, waren Markam, Tarsom und Nath. Nath schaute etwas verlegen, während Tarsom und Markam einen verärgerten Eindruck machten.

"Wir hörten eine Frauenstimme rufen und dachten, ihr wäret in Gefahr," sagte Markam. "Nath mußte natürlich unbedingt auf einen Ast treten.

"Ich habe ihn nicht gesehen!" verteidigte sich Nath.

"Uns ist nichts geschehen. Paline hat eine Quelle gefunden. Es war ihre Stimme, die ihr gehört habt. Wir haben keine Spuren von Tieren oder Menschen gesehen. Diese Insel scheint unbewohnt zu sein."

"Pandrite sei Dank! Dann können wir uns endlich ausruhen und etwas trinken. Wenn es Nacht geworden ist, können wir uns auf den Weg zur Küste machen und abseits der Stadt an Land gehen." Während Markam noch erleichtert aufseufzte, hatte Nath sich schon an die Quelle gestürzt und begonnen, gierig zu trinken. Nun gingen sie alle dorthin und stillten abwechselnd ihren Durst.

"Ahh, bei der gesegneten Mutter Zinzu, das habe ich gebraucht!" Erfrischt ließ sich Jilian rücklings ins Gras fallen.

"Von dieser Mutter Zinzu habe ich noch nie gehört, aber der Spruch gefällt mir," meinte Tarsom.

"Es ist ein Trinkspruch vom Auge der Welt. Allerdings verwendet man ihn gewöhnlich beim Weintrinken. Ich habe ihn von einem guten Freund gelernt."

"Dein Freund muß ja weit herumgekommen sein." Tarsoms Stimme verriet eindeutig Neugier.

"Ja, das ist er, in der Tat."

"Wie heißt er?"

Aber Jilian antwortete nicht. Als Tarsom sich, über ihr Schweigen verwundert, über sie beugte, sah er, daß sie eingeschlafen war. "Zu schade, ich hätte jetzt gern eine gute Geschichte gehört."

Müde ließ er sich neben Jilian ins Gras fallen. Markam hatte sich an einen Felsen neben der Quelle gelehnt und döste. Der Körper des Friedvollen, der allerdings mehr wie der eines Kriegers aussah, lag entspannt da. Eine Strähne seines langen dunklen Haares war ihm ins Gesicht gefallen und bewegte sich bei jedem seiner Atemzüge. Nur Nath und Paline machten noch einen munteren Eindruck. "Nath, Paline, bitte wacht doch ein paar Burs über uns. Danach können wir euch ja ablösen." Noch bevor einer der beiden antworten konnte, war auch er eingeschlafen.

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